Papst Franziskus über die Familie

Welche Aufgabe hat die Familie in der Kirche und in der Welt?

 

Papst Franziskus spricht in seinen Audienzen am Mittwoch in diesem Jahr über die Familie. Jeder weiß, wie wichtig für ein Kind, einen Jugendlichen und auch jeden Erwachsenen die Familie ist. Hier erfahren wir Nähe und Geborgenheit, hier erhalten wir die wichtigsten Hilfen für unser ganzes Leben. Papst Franziskus ermuntert mit seinen Anregungen, dass wir die Familie neu entdecken und als Mütter und Väter, als Großmütter und Großväter das Zusammenleben so gestalten, dass alle Glück und Freude, die Nähe der anderen und die Nähe Gottes erfahren.

 

Wir wünschen unseren Lesern viel Freude mit den Texten des Papstes.

 

Die Familie – 2. Mutter (7.1.2015)

Wir setzen die Katechese über die Familie fort, und in der Familie finden wir die Mutter. Jeder Mensch verdankt sein Leben einer Mutter, und fast alle verdanken ihr auch einen Großteil ihres späteren Werdegangs, ihrer menschlichen und geistigen Formung. Die Mutter wird viel besungen, viele schöne Gedichte sind ihr gewidmet worden – im Alltag jedoch hört man wenig auf sie und lässt ihr wenig Hilfe zukommen; ihre zentrale Rolle in der Gesellschaft wird wenig anerkannt. Oft wird die Bereitschaft der Mütter, sich für ihre Kinder aufzuopfern, geradezu ausgenutzt, etwa wenn an den Sozialausgaben „gespart“ wird. Auch in der christlichen Gemeinde kommt es vor, dass die Mutter nicht gebührend beachtet wird, dass man wenig auf sie hört. Und doch steht im Mittelpunkt des Lebens der Kirche die Mutter Jesu. Vielleicht sollte man mehr auf die Mütter hören, die für ihre Kinder – und nicht selten auch für die Kinder anderer – zu so vielen Opfern bereit sind. (…)

Mütter sind das stärkste Heilmittel gegen den egoistischen Individualismus. „Individuum“ bedeutet „das Unteilbare“; etwas, das man nicht teilen kann. Mütter hingegen „teilen sich“; angefangen von dem Augenblick, wenn sie ein Kind in sich tragen, um es in die Welt zu setzen und aufzuziehen. Die Mütter sind es, die den Krieg am meisten hassen, denn er tötet ihre Kinder. Ich habe oft versucht, mir die Mütter vorzustellen, die jenen furchtbaren Brief erhalten: „Wir teilen Ihnen mit, dass Ihr Sohn für das Vaterland gefallen ist…“ Die armen Frauen! Wie sehr leidet eine Mutter! Sie sind es, die Zeugnis ablegen von der Schönheit des Lebens. Erzbischof Oscar Arnulfo Romero sagte, dass Mütter ein „mütterliches Martyrium“ erleben. In einer Predigt zur Beerdigung eines von den Todesschwadronen ermordeten Priesters sagte er: „Alle müssen wir bereit sein, für unseren Glauben zu sterben, auch wenn der Herr uns diese Ehre nicht zuteilwerden lässt… Sein Leben hinzugeben bedeutet nicht nur, getötet zu werden; es bedeutet Opferbereitschaft; man kann sein Leben geben, indem man täglich seiner Pflicht nachgeht, im Stillen, im Gebet, in ehrlicher Pflichterfüllung; so gibt sein Leben Stück für Stück hin. So, wie eine Mutter es hingibt, die ohne Furcht und mit der Selbstverständlichkeit des mütterlichen Martyriums ein Kind empfängt, es zur Welt bringt, es ernährt, großzieht und liebevoll pflegt. Auch so gibt man sein Leben. Auch das ist Martyrium.“ (…) 

Mütter sind das stärkste Heilmittel gegen den egoistischen Individualismus. „Individuum“ bedeutet „das Unteilbare“; etwas, das man nicht teilen kann. Mütter hingegen „teilen sich“; angefangen von dem Augenblick, wenn sie ein Kind in sich tragen, um es in die Welt zu setzen und aufzuziehen. 


Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre eine unmenschliche Gesellschaft, denn Mütter haben die Kraft, immer, auch in den schwierigsten Augenblicken, ihre Zärtlichkeit, ihre Hingabe und ihre moralische Kraft zu bezeugen. Oft geben die Mütter auch den tieferen Sinn der religiösen Praxis weiter: die ersten Gebete, die ersten frommen Gesten, die ein Kind erlernt, tragen in sich den Glauben an das Leben des Menschen. Diese Botschaft können gläubige Mütter ohne viele Worte vermitteln: die Erklärungen werden später kommen, aber der Same des Glaubens liegt in diesen ersten kostbaren Momenten. (…)

 

Liebe Mütter, habt vielen, vielen Dank für das, was ihr in der Familie seid und was ihr der Kirche und der Welt gebt. Und auch dir, geliebte Kirche, danke, danke, dass du Mutter bist. Und dir, Maria, Mutter Gottes, danke, dass du uns Jesus zeigt. Ein Dankeschön auch an alle Mütter, die heute hier anwesend sind: wir wollen sie mit einem schönen Applaus begrüßen!


Die Familie – 1. Nazareth (17.12.2014)

Ich möchte mit euch über die Familie zu sprechen, über dieses große Geschenk, das der Herr der Welt von Anbeginn gemacht hat, als er Adam und Eva auftrug, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern (vgl. Gen 1,28). Ein Geschenk, das Jesus mit seinem Evangelium bestätigt und besiegelt

hat.

Jesus kam in einer Familie zur Welt. Er hätte auf spektakuläre Weise in die Welt eintreten können, als Krieger, als Kaiser… Aber nein, er kommt als Kind einer Familie, wie es viele gibt. (…) Wir können uns nur zu leicht vorstellen, wie viel die Mütter von der Fürsorge Mariens für diesen Sohn lernen könnten! Und welchen großen Nutzen die Väter aus dem Vorbild Josefs ziehen könnten, der als gerechter Mann das Kind und seine Braut – seine Familie – in allen schweren Lebenslagen beschützt hat! Ganz zu schweigen davon, wie sehr die Jugendlichen vom Beispiel des jungen Jesus ermutigt werden könnten, die Notwendigkeit und Schönheit der Befolgung ihrer tiefsten Berufung zu verstehen und große Träume zu haben! Jesus hat in jenen dreißig Jahren seine Berufung gepflegt, derentwegen der Vater ihn gesandt hatte. Und nie in all den Jahren hat Jesus den Mut verloren; im Gegenteil ist er im Mut gewachsen, um seine Mission zu erfüllen.

Das ist die große Mission der Familie: Platz zu schaffen für die Ankunft Jesu. Jesus aufzunehmen in der Familie, in der Person der Kinder, des Ehepartners,der Großeltern… Jesus ist dort. Dort will er aufgenommen werden, damit er im Geiste in jener Familie aufwachsen kann.


Jede christliche Familie kann – wie Maria und Jesus es taten– Jesus aufnehmen, ihm zuhören, mit ihm sprechen, ihn bewahren und schützen, mit ihm wachsen; und auf diesem Weg die Welt verbessern. Lasst uns in unseren Herzen und in unseren Tagen Platz schaffen für den Herrn. So haben es auch Maria und Josef getan, und es ist auch für sie nicht leicht gewesen. Sie waren ja keine unwirkliche, künstliche Familie. Es gab viele Schwierigkeiten. Die Familie von Nazareth fordert uns auf, die Berufung und die Mission der Familie überhaupt, jeder Familie, neu zu entdecken. Und was in jenen dreißig Jahren in Nazareth geschah, kann auch für uns Wirklichkeit werden: die Liebe und nicht den Hass zur Alltäglichkeit werden lassen, die gegenseitige Hilfe und nicht Gleichgültigkeit und Feindschaft zur Norm werden lassen. Es ist kein Zufall, dass der Name Nazareth „die Bewahrende“ bedeutet – wie Maria, die „alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte“ (vgl. Lk 2,19.51). Seit damals ist jedes Mal, wenn eine Familie dieses Geheimnis bewahrt, sei es auch am Ende der Welt, das Geheimnis Jesu, der uns retten kommt, das Geheimnis des Gottessohnes am Werk. Er kommt, um die Welt zu erlösen.


Das ist die große Mission der Familie: Platz zu schaffen für die Ankunft Jesu. Jesus aufzunehmen in der Familie, in der Person der Kinder, des Ehepartners, der Großeltern… Jesus ist dort. Dort will er aufgenommen werden, damit er im Geiste in jener Familie aufwachsen kann.