ICH! WILL! NICHT!

Über den richtigen Umgang mit Trotz

Welche Eltern kennen das nicht? Gerade war das Kind noch die friedliche Prinzessin oder der mutige Feuerwehrmann – einen kurzen Moment und ein „Nein“ der Mutter später liegen 15 kg schreiender, um sich schlagender Trotz auf dem Boden, der Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen kann – vorzugsweise natürlich in der Öffentlichkeit unter missbilligenden Blicken der Vorbeigehenden.

 

Die große Psychologin und Bestsellerautorin Christa Meves hat in ihren Büchern und Aufsätzen einige hilfreiche Erklärungen und Ratschläge zu dem Thema zu Papier gebracht, die hier kurz umrissen werden sollen.

 

Bei jedem gesunden Kind – und mag es ein noch so ruhiger Säugling gewesen sein – kommt spätestens im 2. Lebensjahr der Tag, an dem es sich gegen den Elternwillen mit heftigem Neingeschrei oder mit sanfte Widerstand – alle Nuancen sind hier möglich – auflehne, schreibt Meves. Man sei versucht, dem mit Entschiedenheit und Härte zu begegnen, um das Übel an der Wurzel auszurotten. Beispiele aus der Praxis zeigten jedoch, wie gefährlich es für die seelische Gesundheit es sei, den Trotz zu brechen.

Denn: „Der erste Ablösungsvorgang, den ein Mensch zu vollziehen hat, ist der aus der Urganzheit, der Urgemeinschaft des ersten Lebensjahres mit seiner Mutter“, so Meves. „Dieser Schritt beginnt immer mit dem Ungehorsam, denn nur durch die Auflehnung gegen die allseitige Behütung der Mutter kann eine Entwicklung in Gang kommen, ohne die ein Mensch sein Leben nicht bestehen kann, ohne die Ausbildung eines festen eigenen Willens, der den Grund bildet zu jeder aufbauenden, zu jeder schöpferischen Lebensleistung.“

 

Wie geht man nun am besten mit dem Trotz des Kindes um? Christa Meves schreibt dazu: „Wichtig ist vor allem, den Trotz als eine notwendige Entwicklungserscheinung zu verstehen. Man darf diesem Trotz als Vater oder Mutter auch gern und durchaus seinen eigenen Willen entgegensetzen, aber man soll sich davor hüten, es für richtig zu halten, den Trotz zu brechen.“ Breche man den Trotz, so breche man häufig viel mehr: nämlich die Fähigkeit zu wollen. „Es ist wohl wichtig, dass einem Kind im Alltag feste Grenzen gesetzt werden, zum Beispiel eine feste Ordnung der Mahlzeiten und Schlafenszeiten“, so die Psychologin weiter. Aber man sollte innerhalb dieser Ordnung die Zügel möglichst lang lassen, damit die Willensimpulse sich entfalten können.

 

Als Beispiel für einen gelungenen erzieherischen Umgang mit Trotz führt Meves folgende Situation an:

 

Zum Spiel im Garten steht dem dreijährigen Christian ein weitreichender Aktionsraum zur Verfügung. Als er über ein Stück neu ausgesamter Rasenfläche laufen will, hebt die Mutter ihn herunter und sagt energisch: "Nein, dorthin darfst Du nicht laufen, sieh, die Pflänzchen müssen erst wachsen. Das können sie nicht, wenn der Christian darauf herumläuft." Nach kurzem Spiel in der Sandkiste macht Christian demonstrativ abermals einen Schritt auf den Rasen. In den meisten Fällen reicht es jetzt aus, das Kind mit einem warnenden "Du, Du" zu ermahnen. Kinder im Trotzalter wollen häufig nichts weiter als eine solche oft geradezu mit verschmitztem Lächeln vorgetragene Demonstration ihres Eigenwillens, um sich dann doch befriedigt in das Verbot zu schicken. Deshalb ist es immer sinnvoll abzuwarten, ob die erste Gehorsamsverweigerung allein diesen Akzent der Demonstration eigener Stärke trägt.

 

Tollt das Kind aber erneut über den Rasen, wird es nötig, es aufzuheben und ernst, aber ohne Zorn zu sagen: "Nun, dann müssen wir eben drinnen weiterspielen." In den seltensten Fällen wird das Kind diese Maßnahme der Mutter akzeptieren, sondern heftig zu schreien beginnen. Nun ist es ratsam, das Kind eine kurze Zeit, nicht länger als fünf Minuten, allein zu lassen. Auch wenn es dann noch schreit, sollte man ihm einen Vorschlag machen, der ihm zeigt, dass es von der Mutter verstanden wird. Den Trotz "zum Fenster hinausjagen", ihn in der Toilette "hinabspülen", ihn "mit dem Naseputzen ausschnauben", können hier Wunder wirken und die Einigkeit zwischen Mutter und Kind wiederherstellen. Sehr richtig betont H. Fischer-Carl: "Es geht um das richtige, in der Erziehung so notwendige Vergessenkönnen. Alle Kinder, ganz besonders aber die Trotzkinder, brauchen Menschen mit gütigen und starken Herzen, bei denen sie aufgenommen und trotz aller Unleidlichkeiten angenommen werden. Sie brauchen Mütter mit offenen Armen und mit dem Großmut des Verzeihens ohne Ende.“

 

Fazit:

  •  Trotz ist ein lebenswichtiger Entwicklungsschritt, jedes gesunde Kind macht solch eine Phase der Ablösung von den Eltern durch.
  • Trotz soll man nicht brechen, und die Demonstration des Ungehorsams muss erlaubt sein.
  • Nach einem Trotzanfall soll man dem Kind den Rückweg aus dem Trotz durch Ablenkung und Verständnis erleichtern.
  • Man darf dem Kind nicht zu viele Regeln auferlegen, aber auch nicht alles schrankenlos erlauben. „Erst durch das Setzen von Grenzen und durch den Widerstand des Kindes gegen die Grenzen schärft sich seine Entscheidungsfähigkeit zwischen Anpassung und Verteidigungsbereitschaft“, schließt Meves.

 

Meves, Christa: Was unsere Liebe vermag. Hilfe für bedrängte Eltern. Freiburg 1982.

Meves, Christa: Erziehen lernen aus tiefenpsychologischer Sicht. München 1981.