Hirndoping Mutterschaft

Neue Forschungsergebnisse über das Kinderkriegen

 

"Es macht smarter, wagemutiger, stressresistenter, es verbessert das Gedächtnis, das räumliche Orientierungsvermögen, die Sehfähigkeit, kurzum, es ist ein Nerven-Kick, der seinesgleichen sucht. 'Es' ist jedoch keine Designerdroge für überforderte Burnout-Politiker und auch kein Medikament zum Neuro-Enhancement für überehrgeizige Studenten. 'Es' steht für das, was Frauen schaffen, wenn sie Mütter werden, Mutterschaft eben." So beginnt Martina Lenzen-Schultes Text "Mütter können mehr" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. April 2016. Vorgestellt werden neue Studien aus der Verhaltens- und Hirnforschung, die untersuchen, welche Auswirkungen Schwangerschaft, Stillzeit und das Großziehen der Kinder auf die Mütter hat.  

 

In einer Zeit, in der "Regretting Motherhood" anscheinend in ist, Babypausen nur als Karriereknick gesehen und in Teilzeit arbeitende Mütter der Faulheit verdächtigt werden - ganz zu schweigen von den "Heimchen am Herd", den Vollzeitmüttern -, lesen sich die Forschungsergebnisse wie unerhörte Provokationen gegen die politisch korrekten veröffentlichen Meinung. Wissenschaftlich belegt ist etwa, dass Mütter vor allem in der späten Schwangerschaft und nach der Geburt extrem stressresistent werden. "Mit dieser psychischen Robustheit gehen erhöhter Wagemut und größere Furchtlosigkeit einher, Veränderungen, die die sprichwörtliche Löwenmutter in die Lage versetzen, selbst übermächtigen Aggressoren kühn die Stirn zu bieten", gibt Lenzen-Schulte die New Yorker Verhaltensbiologin Tracey Shors wieder. Und nicht nur das. Der Neurowissenschaftler Graig Kinsley hat an Ratten gezeigt, welchen Zugewinn an kognitiven geistigen Fähigkeiten die Mutterschaft ermöglicht. Die Schwangeren und die Muttertiere zeigten sich in Kinselys Versuchsanordnung als deutlich schneller, geschickter und zielgerichteter als ihre Artgenossen ohne Nachwuchs, obwohl diese naturgemäß beweglicher bzw. ausgeruhter waren. "Anpassung ist das, was das mütterliche Gehirn im Kern ausmacht", zitiert die Lenzen-Schulte die Erklärung des Neurowissenschaftlers für die erstaunlich verbesserten Fähigkeiten unter erschwerten Bedingungen.

 

Der biologische Grund dafür? Untersuche man das Gehirn von Tieren, die schon mehrere Schwangerschaften gemeistert haben, so ließen sich dort vermehrt Mediatoren nachweisen, die das Nervenwachstum stimulieren, heißt es in der FAZ. Weiter wird ausgeführt: "Die Schwangerschaft tut das Ihre. Offenbar können frische Stammzellen vom Ungeborenen ins Gehirn der Mutter gelangen und sich dort zu allen Arten von Hirnzellen umwandeln. Mehr noch, diese Nachwuchszellen siedeln sich überdurchschnittlich oft genau dort an, wo die Nervenzellen des Muttertieres schwächeln, also Hilfe dringend benötigen."

 

Viele Forschungsergebnisse kämen noch aus dem Tierversuch, einiges ließe sich aber bereits auf den Menschen übertragen, schreibt Lenzen-Schulte. Widersprüchliche Ergebnisse lägen dabei vor allem bezüglich der Frage vor, welche Formen von Gedächtnisleistungen sich eher verbesserten oder verschlechterten.

 

Wie sich die Veränderungen der Geisteskräfte messen lassen, erforscht Katherine Tombeau Cost in Toronto. Ihr Ergebnis: Oft klagten Schwangere oder junge Mütter über schlechtere geistige Fähigkeiten, doch dies sei eine subjektive Fehleinschätzung. "In objektiven Test schneiden Mütter nämlich deutlich besser ab, als sie es selbst für möglich halten. Sie machen sich quasi gängige gesellschaftliche Vorurteile zu eigen."

 

Fazit des Textes: Mutterschaft lässt sich auch beim Menschen "als ernstzunehmendes geistiges Empowerment und Freisetzen von erstaunlichen Kräften deuten". Es ist überfällig, die "herabwürdigenden Urteile über Mütter" zu revidieren und "Müttern mehr echte Freiräume für den Nachwuchs zu geben."

 

 

Den vollständigen FAZ-Artikel finden Sie hier.

 

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